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Borfreie Kühlschmierstoffe: Wann sich der Umstieg für Zerspaner lohnt

Borfreie Kühlschmierstoffe sind längst kein Trend mehr, sondern Folge verschärfter Grenzwerte. Wann sich der Umstieg lohnt, worauf es ankommt und welche Fehler Sie vermeiden.

15. Juli 20266 Min. LesezeitArmin Lippmann
Borfreie Kühlschmierstoffe: Wann sich der Umstieg für Zerspaner lohnt

Seit 2021 hat sich die Regulierung endgültig gegen Bor gedreht: Borsäure und Borate gelten als fortpflanzungsgefährdend (Repr. 1B), und der Konzentrationsgrenzwert für die Gefahrstoff-Kennzeichnung ist von rund 5,5 % auf 0,3 % gefallen. Für Zerspaner heißt das konkret: Manch wassermischbarer Kühlschmierstoff, der gestern noch unauffällig im Datenblatt stand, trägt heute eine Kennzeichnung. Borfreie Kühlschmierstoffe sind damit weniger eine Modeerscheinung als eine betriebliche Notwendigkeit — vorausgesetzt, der Umstieg wird sauber gemacht.

Wir beraten im Erzgebirge viele Lohnfertiger und Zerspanungsbetriebe, die genau vor dieser Frage stehen. Dieser Beitrag ordnet ein, was hinter dem Thema steckt, wann sich der Wechsel rechnet — und wo in der Praxis die Stolpersteine liegen.

Warum überhaupt weg vom Bor?

Bor war in wassermischbaren Kühlschmierstoffen jahrzehntelang ein Arbeitspferd: Es lieferte Reservealkalität (hielt den pH-Wert stabil), unterstützte den Korrosionsschutz und stabilisierte das Bad gegen mikrobiellen Befall. Es war also nie „nur Ballast".

Das Problem ist toxikologischer Natur. Borsäure steht seit 2010 auf der SVHC-Kandidatenliste der ECHA und ist als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Entscheidend wurde die CLP-Anpassung von 2021: Der bis dahin geltende stoffspezifische Kennzeichnungsgrenzwert für Borsäure (rund 5,5 %) fiel weg, stattdessen gilt der allgemeine Grenzwert von 0,3 % für Repr.-1B-Stoffe. Damit rutschen deutlich mehr Gemische in die Kennzeichnungspflicht — und ein gekennzeichneter Kühlschmierstoff zieht in der Gefährdungsbeurteilung und beim Sicherheitsdatenblatt sofort zusätzlichen Aufwand nach sich.

Nicht nur Bor: Formaldehyd-Depotstoffe und Nitrosamine

Wer über borfreie Kühlschmierstoffe spricht, sollte zwei weitere Baustellen mitdenken — sonst tauscht man ein Problem gegen das nächste.

Formaldehyd-Depotstoffe

Wassergemischte Kühlschmierstoffe stehen ständig mit Luft, Werkzeug und Werkstück in Kontakt und müssen gegen Bakterien, Hefen und Pilze konserviert werden. Klassisch geschah das oft über Formaldehyd-Depotstoffe (Formaldehydabspalter), die über lange Zeit geringe Mengen Formaldehyd freisetzen. Seit dem 1. Januar 2016 ist Formaldehyd EU-weit verbindlich als krebserzeugend (Carc. 1B) eingestuft. Ein moderner Kühlschmierstoff sollte die Biostabilität deshalb nach Möglichkeit ohne Formaldehyd-Depotstoffe sicherstellen.

Nitrosamine und die TRGS 611

Die TRGS 611 begrenzt den Einsatz wassermischbarer Kühlschmierstoffe, bei denen krebserzeugende N-Nitrosamine entstehen können. Kernforderungen: keine nitrosierenden Agenzien wie Nitrit oder nitritabspaltende Stoffe, und der Gehalt an sekundären Aminen darf 0,2 Massen-% nicht überschreiten. Genau deshalb ist auch ein Amin wie Dicyclohexylamin (DCHA) kritisch — als sekundäres Amin kann es zur Nitrosaminbildung beitragen. Ein sauber formulierter Kühlschmierstoff ist also idealerweise nicht nur borfrei, sondern auch frei von Formaldehyd-Depotstoffen und DCHA.

Was ein moderner borfreier Kühlschmierstoff leisten muss

Bor einfach wegzulassen macht noch keinen guten Kühlschmierstoff. Die Aufgaben, die das Bor mitgetragen hat, müssen die restliche Formulierung übernehmen. Achten Sie beim Datenblatt auf:

  • pH- und Alkalitätsstabilität ohne Bor — sonst kippt das Bad schneller.
  • Biostabilität über ein durchdachtes Konservierungskonzept statt über Formaldehyd-Depotstoffe.
  • EP-/AW-Additivierung (Extreme Pressure / Anti Wear) für die Werkzeugstandzeit bei anspruchsvollen Operationen wie Bohren, Gewindeschneiden und Reiben.
  • Wasserhärte-Toleranz: Kühlschmierstoffe werden auf einen Härtebereich abgestimmt. Wer die Wasserhärte (°dH) am Standort nicht kennt, wählt leicht die falsche Variante.

Ehrlich gesagt: Borfrei ist nicht automatisch „besser" in der Zerspanungsleistung — der Treiber ist die Arbeitssicherheit und die Regulatorik. Gute moderne Produkte erreichen aber vergleichbare Standzeiten, wenn Auswahl und Pflege stimmen.

Wann sich der Umstieg für Zerspaner lohnt

Der Wechsel rechnet sich selten allein über den Literpreis — sondern über die Gesamtbetrachtung:

  • Rechtssicherheit: Ein nicht kennzeichnungspflichtiger Kühlschmierstoff vereinfacht Gefährdungsbeurteilung, Betriebsanweisung und Unterweisung spürbar.
  • Arbeitsschutz: Weniger krebs- und reproduktionstoxische Bestandteile heißt weniger Belastung an Haut und Atemwegen Ihrer Mitarbeiter — ein Argument, das im Erzgebirge bei der Fachkräftebindung zunehmend zählt.
  • Weniger Nacharbeit im Bad: Ein biostabiles, gut gepuffertes Konzentrat braucht seltener Biozid-Nachschärfung und hält die Konzentration stabiler.
  • Einfachere Beschaffung: Ein Produkt, das mehrere Materialien und Operationen abdeckt, reduziert die Zahl der Gebinde im Lager.

Wenn bei Ihnen ohnehin ein Badwechsel oder eine Systemreinigung ansteht, ist das der wirtschaftlichste Moment für den Umstieg — Sie zahlen die Umstellung dann nicht zusätzlich.

So läuft der Umstieg praktisch ab

Ein Wechsel auf borfreie Kühlschmierstoffe ist kein Hexenwerk, aber er folgt einer Reihenfolge. Wer sie einhält, spart sich die typischen Anlaufprobleme:

  1. Wasserhärte bestimmen. Messen Sie die °dH Ihres Ansetzwassers — sie entscheidet über die passende Produktvariante. Im Erzgebirge schwankt die Härte je nach Versorger und Ortsteil spürbar; ein Teststreifen kostet fast nichts.
  2. System reinigen. Vor dem Neuansatz das alte Bad ablassen und den Kreislauf mit einem Systemreiniger spülen. Restöle, Biofilm und Altchemie sind die häufigste Ursache, warum ein neuer Kühlschmierstoff früh kippt.
  3. Korrekt ansetzen. Immer das Konzentrat ins Wasser geben (nicht umgekehrt) und die vom Hersteller angegebene Einsatzkonzentration mit dem Refraktometer einstellen — nicht nach Augenmaß.
  4. Regelmäßig überwachen. pH-Wert, Konzentration und optisch den Zustand des Bades kontrollieren; bei Bedarf mit Nitrit-Teststäbchen prüfen. Ein kurzes Wartungsprotokoll je Maschine reicht.
  5. Dokumentieren. Halten Sie Produktwechsel, Konzentration und Kontrollen fest — das erleichtert später die Gefährdungsbeurteilung und den Nachweis gegenüber der Berufsgenossenschaft.

Diese fünf Schritte klingen banal, entscheiden aber darüber, ob Ihr borfreier Kühlschmierstoff die erwartete Standzeit erreicht oder schon nach Wochen Ärger macht.

Häufige Fehler in der Praxis

  • Einfach nachfüllen statt umstellen: Den neuen borfreien Kühlschmierstoff in ein Altbad zu kippen, bringt selten etwas. Ohne Systemreinigung verschleppen Sie Keime, Restöle und Altchemie — das neue Produkt startet mit Handicap.
  • Wasserhärte ignorieren: Die falsche Härtevariante führt zu Schaum, Ausfällungen oder schlechtem Korrosionsschutz. Vorher °dH messen.
  • Konzentration nach Gefühl: Ohne Refraktometer und regelmäßige pH-Kontrolle driftet jedes Bad. Borfreie Produkte verzeihen Nachlässigkeit eher weniger als borhaltige.
  • „Borfrei = wartungsfrei" glauben: Auch ein borfreier Kühlschmierstoff braucht Pflege, Kontrolle und ein Auge auf die Standzeit.

Lohnt sich der Umstieg? Unsere Einschätzung

Für die meisten Zerspanungsbetriebe lautet die Antwort: ja — spätestens beim nächsten Badwechsel. Die regulatorische Richtung ist eindeutig, und ein kennzeichnungsfreier, gut formulierter Kühlschmierstoff spart an anderer Stelle Aufwand und Risiko.

Aus unserem Sortiment setzen wir dafür unter anderem auf die borfreie Zubora 35er-Reihe von Zeller+Gmelin — teilsynthetische, wassermischbare Kühlschmierstoffe, die frei von Bor, Formaldehyd-Depotstoffen und DCHA sind und über EP-/AW-Additive eine gute Werkzeugstandzeit erreichen. Zwei Varianten decken die gängigen Wasserhärten ab: Zubora 35 M Ultra für weiches Wasser (0–12 °dH) und Zubora 35 H Ultra für härteres Wasser (12–24 °dH). Details dazu finden Sie unter Aktuelles; das gesamte Schmierstoff-Programm rundet das Bild ab.

Welche Variante zu Ihrem Maschinenpark, Ihren Werkstoffen und Ihrer Wasserhärte passt, klären wir am besten im direkten Gespräch — mit Blick auf Ihre konkrete Anwendung statt auf den Lieferschein. Fragen Sie uns unverbindlich an: zur Kühlschmierstoff-Beratung.


Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung. Maßgeblich sind die aktuellen Sicherheitsdatenblätter der Hersteller sowie die einschlägigen Technischen Regeln für Gefahrstoffe. Quellen: BAuA – TRGS 611, DGUV/IFA – Kühlschmierstoffe: Formaldehyddepotstoffe, REACH@Baden-Württemberg – Borsäure (SVHC). Stand: Juli 2026.

Tags:KühlschmierstoffborfreiZerspanungTRGS 611GefahrstoffeMetallverarbeitung
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