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Arbeitshandschuhe auswählen: EN 388 und EN 511 lesen

Arbeitshandschuhe auswählen ohne Raten: Was die Ziffern nach EN 388 und EN 511 bedeuten, warum ein X nicht ungenügend heißt und welches Material wofür taugt.

21. Oktober 202610 Min. LesezeitArmin Lippmann
Arbeitshandschuhe auswählen: EN 388 und EN 511 lesen

Auf jedem geprüften Arbeitshandschuh steht eine Zahlenfolge wie 3232X oder 4111A. Sie ist die einzige Angabe auf dem Handschuh, die aus einer Laborprüfung stammt — und sie wird im Einkauf fast nie gelesen. Stattdessen entscheiden Preis, Farbe und das Gefühl beim Anprobieren. Wer Arbeitshandschuhe auswählen muss, ohne zu raten, braucht nur fünf Minuten für diese Zeichen.

Dieser Artikel erklärt, was dort steht — und wo die Kennzeichnung schweigt.

Die Kennzeichnung sagt nicht, ob der Arbeitshandschuh gut ist

Ein verbreitetes Missverständnis vorweg: Normen vergeben Leistungsstufen, keine Schutzstufen. Eine 4 bedeutet nicht „sicher", sondern „hat im Labor diesen Messwert erreicht". Ob der Arbeitshandschuh für Ihre Tätigkeit taugt, entscheidet die Gefährdungsbeurteilung, nicht die höchste Ziffer im Katalog.

Dazu kommt die Grundnorm EN ISO 21420:2020, die die frühere EN 420 abgelöst hat. Sie prüft nicht den Schutz, sondern die Unbedenklichkeit: pH-Wert, Chrom VI, Fingerfertigkeit, Größenkennzeichnung. Jeder Arbeitshandschuh muss sie erfüllen, bevor eine Schutznorm überhaupt greift.

Und schließlich die Kategorie nach der PSA-Verordnung (EU) 2016/425: Kategorie I für minimale Risiken, II für alles dazwischen, III für irreversible Schäden — Chemikalien, extreme Hitze, Strom. Kategorie III verlangt eine laufende Überwachung der Produktion, Kategorie I nur eine Erklärung des Herstellers.

EN 388: die sechs Stellen im Hammer-Piktogramm

Unter dem Piktogramm mit dem Hammer stehen bis zu sechs Positionen, in dieser Reihenfolge:

PositionPrüfungSkalaWas sie bedeutet
1Abriebfestigkeit0–4Wie viele Schleifzyklen das Material hält
2Schnittfestigkeit (Coup-Test)0–5Rotierende Rundklinge, konstante Kraft
3Weiterreißfestigkeit0–4Kraft, um einen Einriss weiterzureißen
4Durchstichfestigkeit0–4Widerstand gegen einen genormten Dorn
5Schnittfestigkeit (TDM, EN ISO 13997)A–FGerade Klinge, einmaliger Schnitt
6Stoßschutz (optional, EN 13594)PNur vorhanden, wenn geprüft und bestanden

Woher die sperrige Normbezeichnung kommt

Auf Datenblättern steht meist EN 388:2016+A1:2018. Das wirkt willkürlich, hat aber eine einfache Geschichte.

EN 388 gibt es seit 1994. Bis zur Fassung von 2003 wurde die Schnittfestigkeit ausschließlich im Coup-Test geprüft — das Piktogramm hatte damals nur vier Ziffern. Die Überarbeitung von 2016 brachte die beiden letzten Stellen dazu: den TDM-Schnitttest als Buchstabe und den optionalen Stoßschutz.

Der Zusatz +A1:2018 änderte dagegen kein einziges Prüfverfahren. Laut Änderungsvermerk ersetzte er den Anhang zur alten PSA-Richtlinie 89/686/EWG durch einen zur heutigen PSA-Verordnung (EU) 2016/425 — angepasst wurde also das EU-Recht, nicht die Prüftechnik. In Deutschland erschien diese Fassung als DIN EN 388:2019-03.

Für die Auswahl heißt das: Die Jahreszahl sagt nichts über die Güte eines Handschuhs, nur darüber, nach welcher Fassung er geprüft wurde. Interessant ist die fünfte Stelle.

X heißt nicht ungenügend, sondern ungeprüft

Das ist der häufigste Lesefehler. Ein X steht für „nicht geprüft", eine 0 für „geprüft und nicht bestanden".

Unser Winterhandschuh Double ICE (Art. 02415) trägt 3232X: Abrieb 3, Schnitt im Coup-Test 2, Weiterreißen 3, Durchstich 2 — und an fünfter Stelle ein X, weil der TDM-Schnitttest für diesen Handschuh nicht durchgeführt wurde. Er ist deshalb kein Schnittschutzhandschuh und wird auch nicht als solcher verkauft. Für viele Arbeitshandschuhe im Lager- und Montagebereich ist dieser Test schlicht nicht einschlägig: Für Winterdienst, Lager und Transport zählen Abrieb, Weiterreißen und Griff.

Der Yellowstar (Art. 0550) steht daneben mit 4111A: schwächer im Coup-Test, beim Weiterreißen und beim Durchstich, dafür Abrieb 4 und als einziger der beiden eine geprüfte TDM-Stufe A. Zwei Arbeitshandschuhe, zwei Profile, kein Sieger — es kommt auf die Tätigkeit an.

Warum es seit 2016 zwei Schnitttests gibt

Der alte Coup-Test zieht eine rotierende Rundklinge über das Material. Bei modernen Schnittschutzfasern stumpft diese Klinge ab, bevor sie durchkommt — das Ergebnis wird dann zu gut. Deshalb schreibt die Norm vor: Stumpft die Klinge über einen Richtwert hinaus ab, ist der TDM-Test nach EN ISO 13997 maßgeblich. Dort wird eine gerade Klinge einmalig mit steigender Kraft gezogen und gemessen, welche Kraft in Newton nötig ist, um das Material auf 20 mm zu durchtrennen.

Die Stufen entsprechen etwa 2 N (A), 5 N (B), 10 N (C), 15 N (D), 22 N (E) und 30 N (F).

Wichtig: Zwischen beiden Tests besteht keine Korrelation. Eine 5 im Coup-Test ist nicht automatisch ein F. Wer in der Metallverarbeitung mit scharfen Blechkanten arbeitet, sollte sich am Buchstaben orientieren, nicht an der zweiten Ziffer.

EN 511: drei Ziffern für Kälte

Für den Winterdienst ist das Schneeflocken-Piktogramm nach DIN EN 511:2006 die relevante Kennzeichnung. Es hat nur drei Stellen:

PositionPrüfungSkala
1Konvektionskälte (kalte Luft)0–4
2Kontaktkälte (kalte Gegenstände)0–4
3Wasserdurchgang0 oder 1

Die dritte Stelle ist binär: 1 bedeutet, dass nach 30 Minuten kein Wasser durchgedrungen ist, 0 bedeutet Durchtritt. Die Norm deckt Kälte bis −50 °C ab.

Für unseren Winterhandschuh Double ICE nennt das Datenblatt einen Kälteschutz bis maximal −30 °C. Darauf sollten Sie beim Vergleich achten: Diese Temperatur ist eine Angabe des Herstellers und kein Prüfergebnis nach EN 511. Normstufen und Temperaturangabe stehen nebeneinander auf dem Handschuh und meinen nicht dasselbe.

Für Räum- und Streudienste ist das genau die richtige Kombination: Wer eine nasse Schaufel oder einen vereisten Tonnengriff anfasst, braucht Kontaktkälteschutz und Dichtheit, nicht die dickste Isolierung. Unsere Winterhandschuhe liegen ab Lager Marienberg — passend zum Streusalz für den Winterdienst.

Unsere Winterhandschuhe im Vergleich

Vier Arbeitshandschuhe für die Kälte führen wir regelmäßig. Ihre Kennzeichnungen zeigen, dass „Winterhandschuh" kein einheitliches Produkt ist:

Art.ModellEN 388EN 511Wofür gemacht
02415Stronghand Double ICE3232XX21Nasskalte Arbeit — dicht in der 30-Minuten-Prüfung
0247Stronghand Winter Gridster3241XX3XTrockene Kälte mit Griff — Latex im Waffelmuster
0287Elysee Groeden2122XX3XKalte Außenarbeit mit Fingergefühl — weiches Nappaleder, gut sichtbar
0237Showa 4512241X01XKälte und Kontakthitze — zusätzlich EN 407 X2XXXX

Kontaktkälte oder Dichtheit — selten beides. Der Double ICE ist der einzige der vier mit einer geprüften 1 an dritter Stelle, also dicht nach 30 Minuten; dafür steht er bei Kontaktkälte auf 2. Winter Gridster und Groeden erreichen Kontaktkälte 3, haben aber keine Wasserprüfung. Für den Streudienst bei Schneematsch ist der Double ICE deshalb die richtige Wahl, für trockene Kälte im Freien die beiden anderen.

−30 °C steht bei dreien im Datenblatt. Double ICE, Winter Gridster und Groeden nennen alle „Kälteschutz bis max. −30 °C". Auch hier gilt: Das ist eine Angabe des Herstellers zum vorgesehenen Einsatzbereich, kein Prüfwert nach EN 511. Wenn Sie Angebote vergleichen, achten Sie darauf, ob eine Temperatur oder eine Normstufe genannt wird.

Die drei Stronghand- und Elysee-Modelle gibt es in den Größen 8 bis 11 zu 60 Paar je Verpackungseinheit, den Showa 451 in 7 bis 10 zu 120 Paar je Karton. Alle vier stehen im Handschuh-Sortiment mit Datenblatt.

Material: welcher Arbeitshandschuh wofür taugt

Über Trägermaterial und Beschichtung sagt die Norm nichts — dabei entscheiden gerade sie über Griff, Tastgefühl und Standzeit.

Material / BeschichtungStärkenGrenzen
NitrilÖl- und fettbeständig, gute Abriebwerte, latexfreiWeniger elastisch als Latex
LatexSehr elastisch, exzellenter NassgriffAllergiepotenzial, quillt in Ölen
PU (Polyurethan)Hohe Tastsensibilität, dünn, FeinmontageGeringere mechanische Reserve
LederRobust, hitzebeständiger als Textil, formt sich anSaugt Flüssigkeiten, trocknet hart; Hitzeschutz nur mit EN 407

Dazu die Feinheit des Trägers, angegeben in Gauge: 13 Gauge ist ein feiner, eng gestrickter Handschuh mit viel Gefühl; 15 Gauge noch feiner; 7 Gauge ein grober, dicker Strick. Der Double ICE kombiniert beides — außen 13 Gauge Polyester, innen ein 7-Gauge-Futter.

Eine Faustregel aus der Praxis: Der höchste Schutzlevel ergibt selten die besten Arbeitshandschuhe. Ein steifer Schnittschutzhandschuh an einer Tätigkeit, die Fingerspitzengefühl verlangt, wird ausgezogen — und ausgezogene Arbeitshandschuhe schützen null.

Chemikalien: Typ A, B oder C

Beim Erlenmeyerkolben-Piktogramm nach EN ISO 374-1:2016+A1:2018 zählt nicht eine Ziffer, sondern die Typenklasse plus Buchstaben:

  • Typ A: mindestens Leistungsstufe 2 (über 30 Minuten) gegen mindestens sechs der 18 Prüfchemikalien
  • Typ B: Leistungsstufe 2 gegen mindestens drei Prüfchemikalien
  • Typ C: Leistungsstufe 1 (über 10 Minuten) gegen mindestens eine Prüfchemikalie

Die Leistungsstufen 1 bis 6 entsprechen Durchbruchzeiten von über 10, 30, 60, 120, 240 und 480 Minuten. Die Buchstaben benennen die konkrete Prüfchemikalie: Unser Einweghandschuh Grip Orange (Art. 0424) ist Typ B mit KPT — also geprüft gegen Natriumhydroxid 40 % (K), Wasserstoffperoxid 30 % (P) und Formaldehyd 37 % (T).

Entscheidend: Diese Buchstaben belegen keine allgemeine Chemikalienbeständigkeit. Welches Material Ihr Produkt verlangt, steht in Abschnitt 8 des Sicherheitsdatenblatts — und dort oft auch die geforderte Durchbruchzeit. Ein beschichteter Montagehandschuh schützt mechanisch hervorragend und ist gegen Chemikalien trotzdem nicht geprüft.

Noch ein Praxiswert, der selten bedacht wird: Die Durchbruchzeit wird nach DIN EN 16523-1 bei 23 °C bestimmt — im Handschuh herrschen beim Tragen aber rund 33 °C. Die TRGS 401 hält dazu fest, dass sich die angegebene Durchbruchzeit unter Praxisbedingungen im Einzelfall bis auf ein Drittel reduzieren kann.

Fünf Fehler aus der Praxis

1. Nach der höchsten Ziffer bestellen. Ein 4-X-4-3-F-Handschuh für die Kommissionierung kostet mehr, hält länger — und wird nicht getragen, weil die Etiketten damit nicht zu greifen sind.

2. Eine Größe für alle. EN ISO 21420 schreibt die Größenkennzeichnung vor, weil sie wirklich zählt. Ein zu großer Handschuh faltet sich in der Handfläche und scheuert; ein zu kleiner ermüdet die Hand. Die Spannen unterscheiden sich dabei stark von Modell zu Modell: Manche Artikel führen wir nur in zwei Größen, den Yellowstar dagegen von 5 bis 12. Prüfen Sie das vor der Bestellung je Artikel, nicht pauschal.

3. Arbeitshandschuhe an rotierenden Maschinen. An Drehmaschinen, Bohrständern und Wickelwellen sind sie wegen der Einzugsgefahr in der Regel untersagt. Hier schützt nur die Maschine, nicht die PSA.

4. Flüssigkeitsdichte Handschuhe zu lange tragen. Unter dichtem Material staut sich Feuchtigkeit, die Haut quillt auf und verliert ihre Barriere. Die TRGS 401 („Gefährdung durch Hautkontakt", Ausgabe Oktober 2022, zuletzt geändert im September 2024) behandelt das ausführlich — und verlangt ausdrücklich, dass Latexhandschuhe ungepudert sein müssen.

5. Den Hautschutzplan vergessen. Handschuh, Hautreinigung und Hautpflege gehören zusammen. Hautschutzmittel sollten allerdings mit zeitlichem Abstand zum Anziehen aufgetragen werden, sonst greifen ihre Inhaltsstoffe das Handschuhmaterial an.

Arbeitshandschuhe auswählen: fünf Fragen in dieser Reihenfolge

Wenn Sie für Ihren Betrieb Arbeitshandschuhe auswählen, fragen wir in dieser Reihenfolge:

  1. Welche Gefährdung dominiert? Schnitt, Abrieb, Kälte, Chemie, Hitze — selten alles gleichzeitig.
  2. Wie lange am Stück wird getragen? Das entscheidet über Atmungsaktivität und Futter.
  3. Nass oder trocken? Latex und Nitril verhalten sich im Nassgriff deutlich unterschiedlich.
  4. Welches Tastgefühl verlangt die Arbeit? Gauge und Beschichtungsdicke folgen daraus.
  5. Wie viele Paare im Jahr? Erst dann wird über Verpackungseinheiten und Preis gesprochen.

Häufig ist das Ergebnis nicht ein Arbeitshandschuh, sondern zwei oder drei für verschiedene Arbeitsplätze — in Summe meist günstiger als ein überspezifizierter Universalhandschuh.

Die amtliche Grundlage für Auswahl und Benutzung ist die DGUV Regel 112-195 „Benutzung von Schutzhandschuhen"; die Kennbuchstaben der Chemikalien erklärt das IFA der DGUV im Detail.


Unser Handschuh-Sortiment deckt Feinstrick, Nitril, Latex, Leder, Einweg und Winter ab — das Gängige liegt ab Lager in Marienberg, der Rest kommt aus dem Feldtmann-Vollsortiment. Zu jedem Artikel finden Sie das Datenblatt mit der vollständigen Kennzeichnung direkt auf der Produktkarte. Wenn Sie wissen wollen, welcher Handschuh zu Ihren Arbeitsplätzen passt: Nennen Sie uns Tätigkeit, Gefährdung und Stückzahl — wir schlagen zwei bis drei Varianten vor und schicken Muster: zur Arbeitsschutz-Beratung.

Passend dazu, wenn Sie ohnehin gerade die PSA durchgehen: Wie Sie die Schutzklassen bei Sicherheitsschuhen von S1 bis S7 lesen, steht im Nachbarartikel.

Tags:ArbeitshandschuheEN 388EN 511SchutzhandschuheArbeitsschutzPSA
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